Carolina Camilla Kreusch
Michael Hübl, 2013

Eröffnungsrede zur Ausstellung „Trigger“, Kunstverein Schramberg

Ist Ihnen aufgefallen, wie viele Menschen mit Rucksäcken unterwegs sind? Die Hersteller treten entsprechend erfindungsreich auf und lassen sich nicht lumpen, wenn es darum geht, ihre Waren anzupreisen. Auf den Websites der Internetshops finden sich Angebote wie Campus Pack oder Power Back Pack, für den kleinen Stadtbummel gibt es das Bodybag und für den alerten Geschäftsmann den Business Notebookrucksack. Rucksäcke gehören zum Alltagsleben wie ein Schal oder ein Jackett. In den diversen Produktinformationen liest sich das beispielsweise so: „Der Prom Pack Notebook-Rucksack von Dakine möbelt Dich hintenrum richtig schön auf. Weil das bunte Innenleben Deines neuen schmucken Rückenschmeichlers keinen was angeht, gibt es sichere, starke Reißverschlüsse, die die vielen Fächer und ihren Inhalt gut schützen“ . Das soll wohl heißen: Rücksäcke sind zu materiellen Erweiterungen der Privatsphäre geworden, ein Stück tragbare Identität.

Die Lässigkeit, mit der ein solches Lifestyle-Accessoire verwendet wird, ist einigermaßen jung. Man muss da nicht gleich an Krieg denken, an die Tornister von Infanteriesoldaten oder an die hastig geschnürten Bündel von Müttern auf der Flucht. Gerade hier im Schwarzwald waren Rucksack und Kraxe bis ins 19. Jahrhundert hinein wichtige Transportmittel, und wer wenig besaß und umziehen musste, dem blieb nichts weiter übrig, als seine ärmlichen Habseligkeiten auf den Buckel zu schnallen, wollte er anderswo sein Glück versuchen. Begüterte Herrschaften hatten es da einfacher. Ihnen standen Truhen zur Verfügung. Das war bequem oder, um es mit einem Ausdruck von etwas ältlicher Noblesse zu formulieren: Es war kommod. Dort, wo es nicht mehr darum ging, stets zum Umzug parat zu sein, wurden die Truhen verfeinert, erhielten Schubladen, wurden auf Beine gestellt und hießen jetzt Kommoden. Auch so ein Begriff, der einigermaßen nach alten Zeiten klingt: Kommode. Heute hat man Sideboards. Die sind direkt an die Wand montiert, so als wären sie ein fester Bestandteil von ihr, eine Erweiterung in den Raum hinein.

Vielleicht, sehr geehrte Damen und Herren, beginnen Sie sich langsam zu fragen, was die Rede von Rucksäcken, Truhen, Kommoden mit den Arbeiten von Carolina Camilla Kreusch zu tun hat. Womöglich haben Sie bereits verstohlen aus den Augenwinkeln nach den Objekten geschielt und versucht, Bezüge herzustellen. Rucksack: denkbar, ja, die Form, das Gewölbte, Wulstige. Truhe? Nein, eher nicht. Wobei…? Truhen sind Behältnisse. Da passt was ʹrein, da steckt was drin. Insofern besteht durchaus eine Analogie zu Carolina Kreuschs bauchigen Werken, die allein durch ihr Volumen und durch ihre markanten Öffnungen signalisieren, dass sie so etwas wie ein Innenleben besitzen. Das gleiche gilt für Kommoden, denen etliche von Kreuschs Objekten schon deshalb ähneln, weil sie auf vier Beine gestellt sind und weil manche von ihnen sich öffnen lassen wie kleine Kästen oder Schränke.

Das entscheidende Stichwort jedoch lautet: Sideboard. Carolina Camilla Kreusch ist Bildhauerin. Sie hat zunächst mit Stechbeitel, Meißel, Schnitzmesser das Handwerk der Holzbildhauerei erlernt, um nach der Gesellenprüfung einen künstlerischen Weg einzuschlagen, der sie zwischenzeitlich zur autonomen Zeichnung führte. Zeichnungen entstanden, die teils an Schaltpläne, teils an Comics mit ihrer betont flachen, zweidimensionalen Bildsprache denken lassen. Zu erkennen sind technische Installationen, in sich verschachtelte Apparaturen mit Kühllamellen, Schutzgittern, Schaltknöpfen. Verdrahtet, verkabelt und mit Sensoren, Antennen oder Anschlüssen ausgestattet, die wie Fühler ausgreifen. Gelegentlich hat Kreusch das, was sie mit Bleistift oder Filzschreiber zeichnerisch darstellt, gewissermaßen re-materialisiert. Das Gezeichnete wurde zurückverwandelt in greifbare Realität. Aus Zeichen wurden wieder Dinge, Linien wurden zu Leitungen, graphische Erfindungen zu Gefügen aus Rohren und Schläuchen transformiert. Die Zeichnungen begannen, in den Raum vorzustoßen – tastend zunächst, mit einem Stück Karton oder Holz, durch das die Zeichnung plastische Momente erhielt, bis dann mehr und mehr das Objekthafte nach vorne drang und der Sideboard-Effekt einsetzte: Wie Sideboards wuchsen nun gleichsam die Gegenstände aus den Wänden heraus.

Das ist metaphorisch gesprochen, wie Sie, verehrte Zuhörerinnen und Zuhörer, längst bemerkt haben. Doch die Metapher – und auch das haben Sie längst erkannt – kommt nicht von ungefähr. Möbel sind wichtige Bauelemente im Werk von Carolina Kreusch. Allerdings muss an dieser Stelle der Vergleich mit den Sideboards sofort relativiert werden. Das Bild passt nur bedingt, denn das Mobiliar, das die Künstlerin für ihre Arbeiten benutzt, dient meist dazu, die organoiden , runden und sich auswölbenden Formen gleichsam zu erden. Weshalb denn ihre Objekte nicht nur mit beiden, sondern gleich mit vier Beinen auf dem Boden der Tatsachen stehen. Zu diesem Zweck taugt der Künstlerin ein Beistelltischchen ebenso wie ein Stuhl, dem die Lehne abhanden gekommen ist. Hauptsache alt, Hauptsache gebraucht. Nicht aus nostalgischen Gründen, nicht auf der Suche oder aus Sehnsucht nach einer verlorenen Zeit, sondern um der Differenzen willen, die sich ergeben, wenn unterschiedliche Sachverhalte aufeinandertreffen.

Es handelt sich um Differenzen, die gar nicht mal sonderlich hervorstechen müssen. Ein Stuhl aus Urgroßvaters Stube, ein Blumengestell vom Flohmarkt oder ein Tischchen aus einem 60er-Jahre-Haushalt können völlig unauffällig in die Wohnungseinrichtung integriert sein. Und doch haftet ihnen etwas Fremdes an. Etwas, das sich abhebt von der Gegenwart, das von ihr getrennt ist, weil es lange vorher da war. Die Schublade einer Kommode, die man beim Trödler erwarb, mag leer sein. Vielleicht aber schwebt in ihr noch ein Hauch von Parfum. Oder es hängen am Holz ihrer Wände Flusen von Wäsche, die hier früher aufbewahrt wurde. Und wenn Briefe in der Lade lagen, dann hat sich deren Abrieb in den Fugen festgesetzt, flüchtige Spuren der Berichte und Bekenntnisse, Banalitäten oder Beichten, die jemand auf Papier festgehalten hat. Wie erging es den Adressaten dieser Post? Weinten sie vor Freude, weil die Wiederbegegnung mit einem zufällig hervorgezogenen Schriftstück Erinnerungen an Momente fassungslos überquellender Glückseligkeit weckte? Schluchzten sie vor Schmerz, weil ein amtlicher Bescheid den Tod eines Menschen mitteilte, der ihnen herzensnahe stand?

Nichts davon wäre in der Schublade zu sehen. Das Salz der Tränen nicht und nicht der scharfe Niederschlag des Putzmittels, mit dem das Möbelstück gesäubert wurde, bevor es jemand zum Verkauf anbot. Nichts von alledem wäre zu sehen, und doch wäre es vorhanden wie der Staub an den Schuhen, den jeder als Archiv der eigenen Ortswechsel mit sich herumträgt: ein Quäntchen Supermarkt, ein Körnchen Bahnhof, dazu ein Rest der letzten Reise nach Rom… Carolina Camilla Kreusch macht in ihren Zeichnungen, Objekten und Installationen keinen Hehl aus ihrem Interesse an den Verflechtungen oder Verknüpfungen, aus denen sich unsere Wirklichkeit konstituiert. Verflechtungen und Verknüpfungen, zwischen denen sich zwangsläufig Räume ergeben, die man als Leerstellen, Interzonen, vergessene Ecken, Schattenareale bezeichnen kann. Es sind Bereiche, denen die Künstlerin einige Bedeutung beimisst. Sind sie doch Bestandteil eines Großen und Ganzen, eines Gesamtzusammenhangs, für den sich Begriffe eingebürgert haben wie Realität, Leben, Welt.

Kreusch selbst spricht von Systemen. Just so sind ihre Arbeiten angelegt. Oft bestehen sie aus disparaten Elementen. Mal könnten sie Organ-Nachbildungen oder künstliche Körperhöhlen sein, mal Elektrogeräte oder TV-Satelliten. Doch so unterschiedlich sie in Art und Funktion sein mögen: Immer werden diese Elemente vielfältig miteinander verbunden. Da wird angedockt und angekoppelt, abgezweigt und durchgesteckt, bis alles verschlaucht und verschlungen, mithin ein System entstanden ist. Ein System, in dem es fortwährend fließt und strömt. Und damit auf den Trassen des Energietransports und der Flüssigkeitsverbreitung nichts ins Stocken gerät, gebraucht Kreusch gern mal ein Gleitmittel spezieller Humidität. Wir nennen es Humor, und von Humor kündet es, wenn die Künstlerin beispielsweise eine Art Suppendampfdusche entwirft. Wenn sie auf einen Schemel eine Kochplatte platziert samt Topf, auf dessen Deckel ein Abluftschlauch montiert ist, wie man ihn etwa von Dunstabzugshauben über dem Küchenherd kennt. Diese dicke flexible Röhre wiederum ist mittels Kraftklebeband mit einem Stück Staubsaugerschlauch und mit einem Teil kombiniert, das aussieht wie ein Duschkopf. Da riecht man doch förmlich das Kraftbrühen-Destillat, das aus den Düsen tröpfelt. Der Witz allerdings ist, dass dieser vermeintliche Duschkopf aus einer Anästhesiehaube besteht. Deren Zweck ist es bekanntlich, Menschen in einen Zustand zu versetzen, in dem sie nichts mehr riechen, in dem ihre Sinne betäubt und ihre Wahrnehmungen ausgeschaltet sind.

Der etymologische Zusammenhang zwischen Anästhesie und Ästhetik springt an dieser Stelle dermaßen ins Auge, dass er nicht übergangen werden darf. Indem Carolina Kreusch in ihre Arbeit mit dem Titel „Eintopf“ eine jener Masken einbaut, wie sie Narkoseärzte verwenden, macht sie indirekt auf eine – zumindest nach heutigem Verständnis – wesentliche Funktion von Kunst aufmerksam. Denn Anästhesie bedeutet eine Verneinung, Kunst meint das blanke Gegenteil. Anästhesie verneint, bzw. setzt das außer Kraft, was am griechischen Ursprung des Wortes Ästhetik steht: die Aisthesis als empfindlich-empfindsame Sinneswahrnehmung, als sensorisches Feintuning, das differenzierte Einsichten ermöglicht und Erkenntnis fördert. Aber bitte – Vorsicht! Das alles klingt bei Carolina Kreusch an, steht als Anspielung im Raum, doch es ist nicht die alles erhellende, global gültige, absolute und definitive Kernbotschaft, auf die sich ihre Arbeit reduzieren ließe. Gleichungen, die 1:1 aufgehen, sind Sache der Algebra, nicht der Kunst,

Und so legt es denn Carolina Kreusch auch nicht darauf an, wohlfeile Antworten auf existenzielle Fragen oder drängende Weltprobleme auszubreiten. Ihrem Werk ist zwar insgesamt sehr wohl anzumerken, dass sie die Realitäten des 21. Jahrhunderts genau registriert, eines Jahrhunderts, das früh beschädigt wurde – denken Sie an 9/11, an den Irak, an Fukushima. Aber statt pompös modellierte Behauptungen aufzustellen, setzt die Künstlerin Fragmente und Fundstücke aneinander und bewahrt den Charakter des Provisorischen, dessen körperliche Unversehrtheit permanent gefährdet scheint: Oft sieht es so aus, als würden die Objekte lediglich durch die Lackfarbe zusammengehalten, die sie wie eine dünne Haut umschließt. Ihre Stück um Stück zusammengefügte Vielschichtigkeit ist offensichtlich. Vielschichtigkeit jedoch impliziert immer, dass zwischen den Schichten etwas steckt oder schlummert, das sich dem flüchtigen Blick und der hurtigen Einvernahme entzieht. Oder das womöglich nur noch als vage Ablagerung vorhanden ist, eine verschwindende, fast schon verschwundene Spur.

Im Gespräch über ihre Arbeiten fiel im Atelier von Carolina Camilla Kreusch der Begriff „postapokalyptisch“. Sie meint damit, dass weder in ihren Zeichnungen, noch in ihren Objekten oder Installationen direkte Darstellungen von Menschen zu finden sind. Und doch sind sie indirekt durchweg präsent. Unübersehbar die Assoziationen an Instrumente, Apparate, Prothesen, Monitore, Roboter, Raumstationen, Radaranlagen, Greifarme, Kanülen, Antennen, Sensoren. Überall Hinweise auf das technische Arsenal menschlichen Erfindergeists. Das heißt nicht, dass Kreuschs Kunstobjekte Nachbauten wären oder Rekonstruktionen. Es wird einfach der Fundus des Ingenieurswesens spielerisch geplündert und lustvoll umorganisiert. Gemacht? Gewachsen? Kann sein. So wie die Kabel und Leitungen, die Vernetzung suggerieren, irgendwo einen Anschluss haben können – oder auch nicht. Entscheidend ist nicht, dass da noch mehr neue Gegenstände in die Welt gesetzt werden. Entscheidend ist, dass da eine eigene, eigenständige Welt entsteht, in der die mainstreamigen Bahnen vorschnellen Verstehens und naseweis Immer-Alles-Gleich-Erklären-Könnens sehr bald abbrechen und in labyrinthische Pfade übergehen.

In den Arbeiten von Carolina Camilla Kreusch lässt sich rasch die Orientierung verlieren, man kann sich verirren, gerät auf ungewohnte, ungewöhnliche Denkwege. Zugleich aber ist da plötzlich Platz, um Gedanken, Vorstellungen, Zukunftsentwürfe zu entfalten, wobei nichts sicher ist: Es könnten sich auch Abgründe auftun, in denen Ängste lauern. „Trigger“, der Titel dieser Ausstellung, ruft diesen Sachverhalt ins Bewusstsein. Nichts ist in eine bestimmte Richtung festgelegt. Und eben das macht ja das Werk dieser Künstlerin aus – dass sie Erweiterungen schafft, Ausdehnungen, Freiräume. In ihren bauchigen, höhlenartigen, sich auswölbenden Objekten nehmen sie plastische Gestalt an. Doch Kreusch beschränkt sich nicht auf die materielle Seite der Kunst. Sie unterzieht auch die Sprache einem Ausdehnungsprozess, indem sie sachte die Raster und Register der Konvention öffnet, bis auf einmal die verhüllten, manchmal übermütigen, manchmal melancholisch-trüben Botschaften herausfallen, die zwischen den Begriffen nisteten. Dann findet sie lautmalerische Worthybride wie „Ösenhülsen“, stößt auf fleischhauerfeindliche Befehle wie „Lauf Steak!“ oder gelangt zu dem Schluss „Jeder Morgen Hauptleben – Universallast“. Und während man zuhört, liest, schaut, gerät etwas in Bewegung, gerät etwas in Fluss, Phantasien strömen ein, Visionen, Erinnerungen. Das alles passiert im Kopf, der so voller Möglichkeiten steckt, dass klar wird, warum unsere Schädel nicht flach sind und platt. Wir tragen in ihnen ganze Welten mit uns herum; unsere Köpfe sind unsere mentalen Rucksäcke, in denen schier unermesslich viel Platz ist. Ihn reichlich zu nutzen – nicht zuletzt dazu animiert die Kunst von Carolina Camilla Kreusch.

Die Umständlichkeit
der Umgebung