Carolina Camilla Kreusch
Felix Weinold, 2020

Rede zur Eröffnung der Ausstellung „raum schwankt himmel fährt“

Städtische Galerie Cordonhaus Cham

Sehr geehrte Damen und Herren,

schön, dass Sie zur Eröffnung dieser Ausstellung gekommen sind. Mit diesen Worten möchte ich schließen, denn die Arbeiten von Carolina Camilla Kreusch bedürfen eigentlich nicht dessen, was in der Einladung als „Einführung“ bezeichnet wird, sie sprechen unmittelbar zum Betrachter. Was Sie sehen, ist alles, was Sie bekommen werden.

Bevor sich aber große Erleichterung unter den Hungrigen und Durstigen breit macht, weil der Tagesordnungspunkt, der einen lästiger Weise vom Buffet trennt, diesmal so glimpflich abgegangen ist, sage ich: Momentchen noch bittesehr. Die Veranstalter haben ja nun eine gewisse Hoffnung in mein Erscheinen gesetzt, und mir in Erwartung einer etwa zweistündigen Rede extra in der Pension Käsbauer, Forstamtstr. 7, 93413 Cham ein Zimmer reserviert.

So werde ich, wenn es zwar nicht nötig ist, über das zu sprechen, was sich in schöner Evidenz darbietet, doch über ein paar Aspekte sprechen, die zunächst unsichtbar sind oder verborgen.

Vor längerer Zeit kam einmal ein mondänes Ehepaar in einem ansehnlichen Auto vor mein damaliges Haus vorgefahren; sie hatten bei Freunden meine Kunst gesehen und begehrten Ähnliches. Ebenfalls hatten sie, noch ehe ich ihnen irgendetwas bei mir hätte zeigen können, genaue Vorstellungen, wie die Kunst, die sie erwerben wollten, beschaffen sein sollte: blau sollte sie sein. Denn, so sagten sie, sie seien blau eingerichtet, es würde dann sehr angenehm zu den Vorhängen passen.

Ich vergaß zu erwähnen, dass sich im Schlepptau der beiden ihr Sohn befand, ein lebendiges Bürschchen, das ohne Mühe draußen im Gartenhaus die Axt ge- funden hatte. Während ich durch das Verkaufsgespräch mit den Eltern nur halb gefesselt war, nahm ich besorgt beim Blick durchs Fester in den Garten wahr, dass er sich daranmachte, mit großer Wut den alten Apfelbaum im Garten zu fällen.

Ich rechnete flugs eins und eins zusammen, und kam zu dem folgenden Schluß: Das Kind lebt daheim in einer derartigen Harmonie, alles Ton in Ton, einer blauen Wolke der Glückseligkeit, dass es kaum auszuhalten ist. Und so ergreift es, dieweil die Eltern gerade im Begriff sind, diesem spannungslosen Kosmos ein weiteres blaues Stück hinzufügen, die Gelegenheit, fern vom Heim seine aufgestaute Agression mal so richtig rauszulassen. Nur dass eben mein unschuldiges altes Apfelbäumchen dran glauben sollte.

Wir leben gerade in einer Zeit, in der man auf die globalen Unsicherheiten gern mit einer Rückbesinnung aufs Heimelige, Pastellfarbene und Behaglich-Ausgewogene reagiert. „Hygge“ heißt das bei IKEA, obwohl’s ein Begriff aus dem Dänischen ist. „Cocooning“ ist das, was der hyggelig Eingerichtete tut, vielmehr: nicht tut.

Viele Wohnzimmer sind nach diesem Prinzip gestaltet: es soll möglichst große Ausgewogenheit erzielt werden, Leerräume werden mit Dekoration gefüllt, farblich ist alles das optische Äquivalent zur Duftkerze. Sideboards und Hifimöbel sind heute seltsam komponierte Wandreliefs, asymmetrisch zwar, aber so ausgeklügelt austariert, dass ihr Anblick schon im Katalog eine gewisse Schläfrigkeit induzieren.

Ganz besondere Mühe geben sich Ärzte, mit ihren Wartezimmern. Sie sind von einer derart bleischweren Reizlosigkeit, dass man den Raum garnicht als Raum wahrnimmt, dass alle Anwesenden wie paralysiert vor sich hin auf das zentrale Lagerfeuer des Lesezirkel-Tischchens starren, und jeder erleichtert ist, wenn ihn der Herr Doktor zur Weisheitszahnextraktion ruft: man will endlich wieder was spüren.

Allmählich fragen Sie sich natürlich: was hat dies alles mit der heutigen Ausstellung zu tun? Wir sind schon mitten im Thema. Meine Einleitung hatte, Sie ahnen es, den Grund, eine gewisse Fallhöhe zu erzeugen. Denn die Arbeiten von Carolina Camilla Kreusch haben eine unheimliche Fähigkeit: sie machen Raum sichtbar, und sind in der Lage, ihn unter eine große Spannung zu versetzen. Sollten Sie beim ersten Herumgehen den Eindruck gehabt haben, die hier gezeigten Objekte hätten etwas Freundliches oder gar Putziges und Harmloses, so ist das nicht völlig falsch; die Werke bedienen sich aber einer Art von Verstellung, wie sie aus dem Tierreich bekannt ist: sie locken uns, ziehen uns in ihren Bann und verschlingen uns. Es ist keine Ausstellung mit Skulpturen, die nur über ein kleines Reich gebieten, einen Sockel etwa oder ein Podest, bei denen es fast gleichgültig wäre, wie sie im Raum plaziert oder aufgereiht würden. Sie machen sich den Raum untertan.

„Raum schwankt, Himmel fährt“ heißt die Ausstellung; sie könnte auch heißen: „Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt“.

1969, die Künstlerin befand sich damals noch weder in der Innen- noch der Außenwelt, erschien das gleichnamige Buch von Peter Handke. Der Autor benutzt darin Sprache in Form von Readymades, Collagen, konkreter Poesie und experimenteller Prosa. Ich sehe in seinem Umgang mit Text eine große Parallele zum Vorgehen von Caro Kreusch mit Alltagsgegenständen und Baumarktmaterial. Hellmut Karasek schrieb zum Erscheinen des Buches:

„Jemand, der sich plötzlich in eine unbekannte, labyrinthische Gegend versetzt fühlte, in der nichts, aber auch gar nichts ihm vertraut vorkäme, hätte eine alptraumartige Erfahrung gemacht. Jemand, der in scheinbar vertrautester Umgebung auf einmal alles als unheimlich, unvertraut, fremd empfände, hätte eine noch mehr alptraumartige Erfahrung gemacht.“

Und genau das passiert, wenn man einen Raum mit Objekten von Caro Kreusch betritt. Da ist nichts hygge, die Arbeiten sind nicht ausgerichtet an der Oberkante oder mittig, sie machen sich den Raum gefügig, erzeugen Anziehungskraft, ja man hat das Gefühl, sie hätten durch Gravitation und Zentrifugalkraft ein Beziehungsnetz ausgespannt, in das wir wie Astronauten geraten sind. Wir treten über die Schwelle, und sind schlagartig aus der Welt ins All katapultiert. Nicht zufällig ähneln manche Arbeiten Satelliten, andere im Raum treibenden Asteroiden.

1969, das Jahr, in dem Handkes Buch erschien, war zufällig auch das Jahr der ersten Mondlandung, der Zeitpunkt, an dem es den Menschen zum ersten Mal gelang, festen Boden außerhalb der Erden zu betreten. In Caro Kreuschs Räumen gelingt uns das jederzeit und mühelos. Man könnte zwischen ihren Objekten geradezu den Verdacht bekommen , man sei gerade vom Supercomputer HAL aus dem Raumschiff geschubst worden (für Nichtkenner des Films von Stanley Kubrick 2001 Odyssee im Weltraum: der Computer beginnt da ein Eigenleben, und entledigt sich nach und nach der Raumfahrer).

Die Größenverhältnisse werden plötzlich unklar: ist das da in der Ecke ein kleiner Gegenstand, oder ist es eigentlich ein riesiges Objekt, nur sehr weit entfernt? Befinden wir uns in einem Modell, oder sind die Körper das Ding an sich? Je nach Antwort verändert sich auch unsere eigene Größe im Verhältnis zum umgebenden Raum.

So könnte die große Arbeit „Beau“ durchaus die Explosion einer Supernova darstellen. Eine Arbeit mit dem Titel „Knueller“ wirkt wie eine Veranschaulichung der Theorie der nach Stephen W. Hawking benannten Hawking-Strahlung. Sie tritt an den Rändern eines schwarzen Lochs auf, dem sogenannten Ereignishorizont. In Kreuschs Arbeit leuchten rings um eine amorphe schwarze Fläche stark farbige Elemente auf, und einige entfliehen splitterartig in den Raum. Die asymmetrische Plazierung lässt in der Tat den Raum schwanken, das Epizentrum wirkt mit seiner Energie über die ganze Wand.

Manche Objekte sehen aus wie fremdartige Raumfahrzeuge, haben Antennen oder Tentakeln, zur Kontaktaufnahme oder zum Entern. Diese Extremitäten zur Kommunikation lassen uns Strahlung, Kraftlinien, Energieströme, Funksignale vermuten, und damit ein Eigenleben, das aus Artefakten, also künstlich Hergestelltem, autonome Wesen macht. Um manche Arbeiten werden die Kräfte sogar als Linien sichbar, Flächen werden mit Klebeband abgegrenzt und schraffiert, das Objekt greift sich Raum und steckt Claims ab.

Wenn wir aber bei der Wahrnehmung der Arbeiten den Maßstab ins Extreme verändern, vom interstellaren Raum zum Mikrokosmos, dann wandeln sich riesige Raumobjekte zu unter dem Rasterelektronenmikroskop betrachteten Kristallstrukturen, Kleinstlebewesen, Einzellern, Blutkörperchen. Die Außenwelt wird zur Innenwelt, der Raum schwankt. Wir als Betrachter sind plötzlich enorm geschrumpft, und spazieren in einer ungeheuer vergrößerten, normalerweise fürs bloße Auge kaum oder nicht wahrnehmbaren Welt. Auch unter diesem Betrachtungsmaßstab sehen wir uns, mit den bereits zitierten Worten Karaseks, „in eine unbekannte, labyrinthische Gegend versetzt, in der uns nichts, aber auch gar nichts vertraut vorkommt“.

Die Werke erzeugen Spannung aber nicht allein durch ihre Beziehung zum Raum, sei er nun groß wie Galaxien, sei er klein wie unter dem Mikroskop. Die Möglichkeit, in den Arbeiten extremste Gegensätze zu entdecken, finden sich auch bei ganz naher Betrachtung.

Vergleichen wir einzelne Objekte miteinander, so fällt auf, dass manche geradezu grob zusammengesetzt erscheinen, die in der Art ihrer Komposition aus Schollen und Bruckstücken an Caspar David Friedrichs Bild „Die gescheiterte Hoffnung“ erinnern. Sie sind gedeckt- und einfarbig. Andere sind aus feinsten Stäbchen aufgebaut, starkfarbige Wunderwerke, die komplexe nestartige Strukturen aufweisen.

Extreme Spannung erzeugen die Komplementärfarben, die noch gesteigert sind durch die Verwendung der Leuchtfarbenvarianten: Rot/Grün, Orangegelb/Blau. Dazu das Aufeinandertreffen von Leuchtfarben mit ihrem gedeckten Verwandten, die Kontraste von glänzend zu matt, opulent und futuristisch-barock zu karg und hermetisch.

Es lassen sich Gegensätze ausmachen zwischen technoid und lebendig, digital und analog; manche Oberflächen ähneln Haut oder tierischen Panzern, andere scheinen das Ergebnis von Technik, Ingenieurskunst und Forschung.

Besonders reizvoll sind die Trompe-l'œil-Effekte: flache Wandobjekte scheinen eine Faltung und Tiefe zu besitzen, aus der Wand herauszuragen; und die einzelnen Flächen wiederum haben durch die geschichteten Schraffuren eine eigene Scheinräumlichkeit, in deren Tiefe man durch die Farbgitter blicken kann.

Carolina Kreusch stammt die aus einer äußerst musikalischen Familie; wer synästhetisch begabt ist, könnte die Werke auch als Klang im Raum lesen, als Töne, Akkorde und Cluster; man bewegt sich als Ausstellungsbesucher in einem konzertanten Zusammenklang.

In „Lenz“ von Georg Büchner äußert der Protagonist bei einem Gespräch über Kunst: „das Gefühl, daß was geschaffen sei, Leben habe, (...)sei das einzige Kriterium in Kunstsachen.“

Gute Kunst zeichnet sich dadurch aus, dass man nach ihrer Betrachtung mehr sieht; dass man ein Stück wacher ist und aufmerksamer. Dass man durch sie Antennen entwickelt für Nuancen, die einem sonst verborgen geblieben wären. Dass sie unter verschiedenen Aspekten betrachtet immer wieder neue visuelle, intellektuelle und emotionale Erfahrungen ermöglicht. Im Falle der hier gezeigten Arbeiten beispielsweise die Sensation von größtmöglicher Spannung, das Sichtbarwerden von Raum, die rasendschnelle Reise von der Innen- zur Außen- und zurück zur Innenwelt.

Es gibt einen Beatles-Song aus dem Jahr 1968, dessen poetisch-geheimnisvoller Titel auch von Caro Kreusch stammen könnte: „Everybody’s got something to hide except me and my monkey“. Darin heißt es:

"Your inside is out and your outside is in
Your outside is in and your inside is out
So come on come on
Come on is such a joy
Come on is such a joy".

Als hätten die Beatles eine Zeitreise unternommen und den Song über diese Arbeiten geschrieben.

Geht also hinaus, lasst euch aufs Abenteuer des Sehens ein, und nach einer pfeilschnellen Reise durch Lichtjahre kommt zurück, landet sicher, und findet euch weniger gealtert als diejenigen, die hiergeblieben sind in ihrem Wohnzimmer; mild scheint das Licht aus dem Altar ihrer Schrankwand, und ihre Vorhänge sind blau.

Dann geht zum Arzt Eures Vertrauens; der hat inzwischen den Lesezirkel gekündigt, das Wartezimmer entmufft, unten auf der Strasse vor der Praxis beim Sperrmüll stehen die alten pastellfarben bezogenen Sitzmöbel. Er hat drei Werke von Caro Kreusch angeschafft, die nun den Raum im Wartezimmer unter Spannung setzen.

Der Arzt kommt herein, fragt: wer ist der Nächste? Und alle zeigen auf einen anderen und sagen: ich hab‘s nicht eilig, Herr Doktor, ich bleibe noch ein bisschen.

Das Apfelbäumchen im eingangs erwähnten Garten steht dort übrigens immer noch.

Vielen Dank.

Durch senkrechte Wiesen
und Ähnlichkeiten